Vergnügliches Baden im Mittelalter – Texte zur Kulturgeschichte der Körperpflege

Teil I

Gemeinhin wird oft angenommen, daß ein erholsames, vergnügliches und reinigendes Bade im Mittelalter kaum noch möglich und gänzlich aus der Mode gekommen war. Was aber so nicht stimmt, ja das ganze Gegenteil ist Fall. Man muß nur den Begriff Mittelalter einigermaßen genau eingrenzen – er bezeichnet die europäische Geschichte zwischen Antike und Neuzeit – und bei den Betrachtungen ungefähr im 6. Jahrhundert anfangen und im 15. Jahrhundert aufhören. Erst vom 16. Jahrhundert an war es mit den öffentlichen Badevergnügungen schnell vorbei. Zum einen wurden vermehrt strenge Regeln und Vorschriften für den Umgang zwischen Männlein und Weiblein in den städtischen Badestuben aufgestellt und zum anderen drohte nach den Pestepidemien des 14. und 15. Jahrhunderts eine neue Seuche – die Syphilis. Schnell wurde vor den Badestuben – die von Ärzten sofort als Orte großer Ansteckungsgefahr ausgemacht waren – eindringlich gewarnt, häufig der Besuch untersagt und manchmal das Badehaus geschlossen. Wer immer es sich leisten konnte, richtete sich einen eigenen Baderaum ein; was aber mancherorts auch gleich wieder verboten wurde, denn nun drohten alle öffentlichen Badestuben abzusterben und gleichzeitig stieg die Feuergefahr in den Städten drastisch an. Schließlich mußten jetzt eine Vielzahl privater Badezimmer kräftig beheizt werden und heißes Wasser war in größerer Menge von Nöten. Doch die Bedenken in Sachen Ansteckungsgefahr und Krankheitsübertragung blieben bestehen. Immer mehr Badehäuser, Schwitzhütten und Dampfbäder stellten ihren Betrieb ein und wegen der vielen Umstände, die ein privates Bad bereitete – Wasser heranschaffen, erwärmen und heiß umfüllen – kam das Baden im 17. Jahrhundert langsam aus der Mode; in der Öffentlichkeit und zu Hause.

Doch die Zeit des Mittelalters war eine Zeit öffentlicher Badefreuden. Nackte Körper in Zubern und Wannen, dazu Musik, Tanz und Spiel, fröhliche Tafeln und lustige Liebesszenen. Das Mittelalter stellt sich in Zeichnungen und Holzschnitten als ausgesprochen badefreudig dar und dabei fallen nicht nur höfische Szenen ins Auge. Gebadet wurde überall und ohne Ansehn des Standes. Vor dem Hintergrund mittelalterlicher Kleinstaaterei ist nur zu bedenken, daß allgemeingültige Aussagen über Vorschriften und Regeln schwer zu treffen sind. Tacitus sagte den Germanen nach, daß diese gleich nach dem Schlaf, der meistens bis weit in den Tag hinein reichte, oft ein warmes Bad nehmen würden, weil bei den Germanen die meiste Zeit des Jahres Winter wäre.

Betrachtet man die Grundrisse alter Klöster und Ritterburgen, dann finden sich dort fast immer Baderäume, Dampfbäder und Wannenbäder, Öfen zum Beheizen der Räume und zahlreiche Kochstellen für heißes Wasser. Im Kloster St. Gallen gab es sogar Baderäume in der Nähe der Küche, bei den Studierzimmern und selbst im Hause der Dienerschaft konnte gebadet werden. Erstaunlich mag sein, daß man dieses Vergnügen selbst den Reisenden, Fremden und Armen zugestand. Man betrachtete das Angebot zum Bade als eine Art von Samariterdienst. Allerdings badete man nie allein. Körperpflege und Erholung – das Bad wird immer als Vergnügen dargestellt – wurden mit anderen geteilt, man badete in Gesellschaft, weil der Aufwand für ein Bad viel zu groß gewesen wäre, wenn nur eine Person davon Nutzen gehabt hätte. Überliefert sind zahlreiche Baderegeln und Vorschriften und es scheint selbst kirchlichen Würdenträgern ein Bedürfnis gewesen zu sein. Askese, der Verzicht auf das Bad und den damit verbundenen Genuß (vielleicht lag hier das Augenmerk mehr auf den mit dem Bad verbundenen leiblichen Wonnen), sagte man nur wenigen Heiligen nach. So kam der hl. Antonius angeblich nur mit Wasser in Berührung, wenn er durch einen Bach laufen mußte, ein Erzbischof aus Köln soll sich nie gewaschen haben und für Elisabeth von Thüringen galt ein Bad als beendet, wenn der Fuß das Wasser berührt hatte. Wenige Ausnahmen, die auf viel Spaß verzichteten, denn so nach und nach waren die öffentlichen Badehäuser zu Orten der Zügellosigkeit geworden. Mittelalterliche Darstellungen zeigen ein recht munteres Liebesleben und wenn die um das Bad herumstehenden Mägde (welche regelmäßig heißes Wasser nachzufüllen hatten) nicht alles sehen sollten, wurden die Wannen einfach mit Tüchern verhängt.

Und obwohl man häufig versucht haben muß, das gemeinschaftliche Bad von Männern und Frauen zu unterbinden, haben sich derartige Regelungen wohl kaum durchsetzen lassen. Badehäuser und Schwitzhütten waren öffentlich und die städtischen Badehäuser wurden in aller Regel einem fachkundigen Bürger zur Pacht überlassen – dem Bader. Der hielt die Badestube in gutem Zustand, zahlte seine Pacht und seine Zinsen und kümmerte sich um einen reibungslosen Badebetrieb. Mehr dürfte die Obrigkeit kaum interessiert haben. Schließlich gingen die hohen Herrschaften ebenfalls in die Badestuben und nachdem sie ihre Kleider beim Bader abgelegt hatten, wurden auch sie in der Schwitzhütte von Bademägden versorgt. Diese hatten die Männer zu massieren, den Schweiß mit warmen Wasser abzuspülen und den Badegast anschließend mit Seifenlauge abzureiben/ ihm dabei zur Hand gehen. Wer wollte darauf schon verzichten? Die Seifenlauge brachte man sich in einem Krug meistens selber mit. Interessant ist, daß selbst Arme und Kranke – Menschen ohne jede Geldmittel – umsonst baden durften. Mägde und Knechte bekamen als Anerkennung häufig ein Badegeld. Mittelalterliche Dichtungen berichten von Badetüchern, Waschleinen und Badehemden und häufig wurden die Leute, wenn die Badestube gut eingeheizt war, mit Pauken und Trompeten zum Bade geladen. Während es für Männer so etwas wie eine Art Badehose gegeben haben muß – die Darstellungen zeigen einen Wickel aus Tuch – waren Frauen und Kinder häufig unbekleidet.

Gewaschen wurde mit Lauge und Seife. Lauge und Seife? An diesem Punkt geben mittelalterliche Texte nur ungenau wieder, was wir uns darunter vorzustellen haben. Vermutlich handelt es sich bei dem mit Lauge umschriebenen Reinigungsmittel um eine Art Schmierseife, einen wässrigen Seifenschaum, den man meistens selber mit ins Badehaus brachte (da die Technik des Aussalzens in Europa erst sehr spät erfunden und eingesetzt wurde, ist es wahrscheinlich, daß die mit Laugen beschrieben Seifen immer weich und schmierig waren.) Die ältesten deutschen Seifensiederwerkstätten – zusammengeschlossen in Zünften und daher urkundlich belegt – stammen aus dem 14. Jahrhundert (1324 in Augsburg und 1336 in Prag).

Über erik

Ich bin nur der, der hier schreibt. Die mit den Seifen, das ist Xenia Trost und die hat sich 1000&1 Seife ausgedacht.
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