Klassische Nassrasur. Wissenswertes über Schweineborsten, Dachshaare und Rasierpinsel mit synthetischen Fasern

Von James Joyce stammt der Tipp (Ulysses), den Pinsel einfach in der Seife stecken zu lassen, weil dadurch die Haare noch viel weicher werden würden. Nun, ich verehre zwar den großen Dichter, doch dieser Tipp sei nicht zur Nachahmung empfohlen. Obwohl zu vermuten ist, daß Joyce nur eine Schweineborste nutzte.  Aber welche Haare gehören überhaupt in einen guten Rasierpinsel und entscheidet sich an dieser Frage die Qualität des Schaums? Im folgenden Text soll dieser Frage nachgespürt werden.

Richtige Männer, wenn sie keine Bartträger sind, schlagen ihren Rasierschaum selber auf. Dazu gehört neben Rasierseife oder Rasiercreme und Wasser auch ein Rasierpinsel, mit dem der Schaum hergestellt wird. Mit kreisenden Bewegungen, man kann auch stampfen, drücken, hin und her, in der Hand, im Mug, einer alten Kaffeetasse oder gleich im Gesicht; das alles ist egal und bleibt jedem Mann selber überlassen. Was verbindet ist das gleiche, wunderbare Ritual – einen Rasierpinsel zu schwingen. Natürlich sind auch Dosenschaumbenutzer Nassrasierer, doch über diese Spezies wollen und werden wir hier nicht schreiben. Und dabei sind gerade die Rasierpinsel für manche Männer viel mehr als reine Schaumschläger. Ganze Sammlungen unterschiedlicher Pinsel, Haarqualitäten, Griffe, Hersteller und Größen finden sich in den Badezimmern und natürlich gibt es Pinsel für jeden Tag, Pinsel für Feiertage, Sonntage und andere Festlichkeiten. Rasierpinsel sind eigentlich reine Gebrauchsgegenstände. Doch ganz heimlich betrachtet sind sie mehr und für viele Nassrasierer ist der Besitz eines guten Rasierpinsels so wichtig wie ein neues Auto, teure Weine, gutes Essen und schicke Anzüge. Ich persönlich besitze, außer einigen guten Rotweinen, weder das eine noch das andere. Aber Rasierpinsel habe ich 5 Stück. Alles schönste Silberspitze und einen kleinen Graudachs; mal größer oder kleiner, mit Griffen aus Holz, Plastik oder Edelstahl. Es ist eine nette kleine Sammlung, die ich in schöner Rotation benutze.

Doch welche Haare werden überhaupt verwendet?

Für gute Rasierpinsel wird Dachshaar verwendet (engl. Badger). Es gibt auch Pinsel mit Schweineborsten (engl. Bristle), aber das ist etwas für den Drogeriemarkt und diese Pinsel interessieren uns jetzt nicht. Man erkennt die Schweineborsten an den auffällig weißlich/ gelblichen Haaren/ Borsten und um manche ist wie zum Hohn noch so ein dunker Balken gemalt, damit es aussieht wie Silberspitze. Derartige Produktlügen sind in meinen Augen Kitsch – wenn schon Borste dann bitte ehrlich. Aber natürlich soll hier nicht verschwiegen werden, daß man sich natürlich mit einem Borstenpinsel auch einen ordentlichen Rasierschaum herstellen kann.

Rasierpinsel mit Dachshaar sind viel weicher und haben deutlich bessere Gebrauchseigenschaften. Dabei sind die Bezeichnungen für die unterschiedlichen Haarqualitäten manchmal verwirrend und inzwischen höre ich schon gar nicht mehr so genau hin, wenn irgendwo von Winterdachs, Eisdachs, Super-Dachs oder gar Babydachs gesprochen wird. Die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale sind die Silberspitze (silver tip) und die einfachen grauen Dachshaare, die man als häufig als reinen Dachszupf oder Graudachs (pure badger) bezeichnet. Dabei ist die Silberspitze die beste Qualität die es gibt (von Hersteller zu Hersteller gibt es zum Teil recht große Unterschiede). So weit mir bekannt ist, wird die Silberspitze ausgekämmt und ausgezupft, von den Haarlieferanten nach Qualität sortiert, hellere Spitzen/ dunklere Spitzen, und anschließend von den Pinselherstellern zumeist von Hand weiterverarbeitet. Die grauen Dachshaare wurden geschnitten. Man bezeichnet diese Haare als Stock-Ware. Ihnen fehlen die hellen Silberspitzen und der dunkle Mittelstreifen. Aus diesem Haar fertigen die Hersteller einfache, gute Gebrauchspinsel. Wem die Silberspitze zu weich ist, wer eine größere Massagewirkung auf der Haut haben möchte, oder wer nicht viel Geld in einen Rasierpinsel investieren will, der wird mit dieser Haarqualität sicher sehr zufrieden sein. Das Haar fällt manchmal etwas dunkler oder heller aus und die Pinsel werden mehrheitlich bestimmt maschinell gefertigt.

Hier sehen sie von links nach rechts die wichtigsten Haarqualitäten. Die hochwertige Silberspitze erkennen sie leicht an der schönen Form des Pinselkopfes, den hellen Spitzen und dem dunklen Band, welches die feinen Haare eines edlen Pinsels schmückt. Rechts daneben sehen sie einen Pinselkopf, der scheinbar über sehr helle Haare verfügt, wo man noch silbrige Spitzen erkennen kann und das dunkle Band andeutungsweise sichtbar ist. Diese Zupfhaare erfüllten nicht die Anforderungen für einen Silberspitz, doch die daraus gefertigten Pinsel sind eine gute Alternative zum Silberspitz. Das Haar ist auch schon wunderbar weich, nimmt sehr gut Wasser auf und speichert die Feuchtigkeit fast wie ein Silberspitz. Als nächste sieht man zwei verschiedene Färbungen des grauen Dachshaares und ganz rechts ist ein Pinselkopf aus synthetischen Pinselhaaren im Bild. Zu diesen Rasierpinseln werde ich später etwas mehr schreiben. Es sei aber schon erwähnt, daß wir diese Pinselhaare allen Männern empfehle, die nicht genügend Zeit, Ehrgeiz, Energie, Lust und Verantwortungsgefühl aufbringen, um einen Rasierpinsel aus Dachshaar richtig zu pflegen. Denn egal für welchen Dachshaarpinsel man sich entscheidet, es handelt sich um ein Naturprodukt, welches bei guter Pflege zehn, fünfzehn und mehr Jahre benutzt werden kann und benutzt werden sollte. Allein schon der Tiere wegen.

Hersteller und Marken von Rasierpinseln, um nur einige zu nennen, sind zum Beispiel MÜHLE, Hans Baier EXCLUSIVE, PILS GmbH, Vulfix, Kent, Simpson, Edwin Jagger, Heinrich L. Thäter, Rooney, Joris & natürlich Plisson. Man könnte die Liste noch endlos weiterführen und natürlich wird der eine oder andere jetzt seine Lieblingsmarke vermissen. Doch wichtig ist, daß man als Nassrasierer den Pinsel schwingt und sei es eine Schweineborste.

Beim Kauf eines Rasierpinsels sollten sie auf folgende Dinge achten: Läuft das dunkle Band der Silberspitze gleichmäßig (gilt nur für den echten Silberspitz), hat der Kopf eine schöne Form, ist der Griff ordentlich dicht mit Haaren besteckt und liegt der Pinselgriff gut in der Hand. Das Ringmaß, also der Durchmesser des Pinsels an der Stelle, wo die Haare mit dem Pinselgriff verbunden sind, ist für mich nicht mehr so entscheident. Bei den besonders dicken Pinseln (25mm am Ring und mehr) muß auf genügend Trocknungszeit geachtet werden (hier empfehlen wir wenigstens einen zweiten Pinsel), während die Größen zwischen 19mm und 23mm unserer Meinung nach für den täglichen Einsatz besser geeignet sind. Manche Pinselköpfe wirken größer als andere, dann wieder scheint es, als wäre das Haar kürzer oder steckte vielleicht nur tiefer im Griff. Lauter Unterschiede, die durchaus von Bedeutung sein können. So wirken die Pinsel mit den sehr langen Haaren oft etwas peitschenartig wenn sie naß werden, während die sehr kurzen Köpfe fester, straffer und etwas weniger weich scheinen. Und es gibt sicherlich Nassrasierer, die bis aufs Rasiermesser darüber streiten können, welche Pinselform, welches Haar und welcher Hersteller am besten geeignet ist. Das ist alles Quark und zum Glück ist die Auswahl so groß wie schwierig. Verlassen sie sich auf einige wichtige Informationen, auf ihr Gefühl, ihren Geschmack und auf ihren Geldbeutel. Ein Griff aus Gold schäumt auch nicht besser und ob sie im Zuge der Erderwärmung noch einen Winterdachs brauchen, müssen sie selber entscheiden. Es gibt auch Männer, die glauben, nur ein Pinsel jenseits der 200 Euro Marke würde den höchsten Ansprüchen genügen. Vergessen sie diesen Unsinn und kaufen sie sich einen Pinsel der ihnen gefällt und den sie sich leisten können.

Die Frage, ob ein Pinsel stehen oder hängen soll kann ich ihnen nicht beantworten. Im Physikunterricht hieß es, daß Kapilarkräfte in jede Richtung wirken und deshalb stehen meine Pinsel im Regal. Sie werden nach der Benutzung gründlich ausgespült, ordentlich ausgeschüttelt und manchmal gaz vorsichtig am Handtuch abgestreift.

Synthetische Fasern

Aber seit einigen Jahren arbeiten viele Pinselhersteller mit synthetischen Fasern. Kunstfasern, die ein Dachsleben schonen, die gleichwertige Gebrauchseigenschaften bieten und die deutlich robuster sind als das natürliche Dachshaar.

Die Verwendung von synthetischen Fasern in Rasierpinseln ist  eine noch recht junge Erfindung. Es gibt diesen Werkstoff natürlich schon eine ganze Weile – zum Einsatz kommt hauptsächlich eine PET (Polyethylenterephthalat) Faser -, doch in Rasierpinseln sind es erst ca. 10 Jahre. Etwas weniger würde ich schätzen und inzwischen hat wohl fast jede bekannte Pinselmarke eine brauchbare Synthetikfaser im Sortiment. Glauben sie mir, das ist mehr als ein kurzfristiger Trend.

Zuerst muß es recht schwierig gewesen sein, weil die glatte Oberfläche der synthetischen Fasern nicht in der Lage war das Wasser zu speichern wie natürliches Dachshaar. Das Wasser lief, nachdem man den Pinsel durchgespült hatte, einfach so wieder heraus. Auf diese komplizierte Wasseraufnahme mußte man sich einstellen und in den Anfangszeiten der Entwicklung gab es natürlich spürbare Unterschiede zum Dachs. Die synthetsichen Fasern fühlten sich ganz anders an und selbst die Verarbeitung ist bis heute nicht ganz ohne. Selbst die Maschinen hatten und haben mit dem Kunstoff so ihre Probleme. Fast immer ist es Handarbeit und es steckt jede Menge Entwicklung in dem Werkstoff, der ähnlich teuer wie Silberspitzen ist (sein kann). Sie legen Wert auf gute Handarbeit? Dann sollten sie über einen Rasierpinsel mit synthetischen Fasern nachdenken.

Ich nutze einen Synthetikpinsel der Firma MÜHLE seit 3 Jahren im Geschäft für Vorführungen, wenn ich den Leuten erkläre, wie man ordentlichen Rasierschaum aufschlägt. Oft muß der Pinsel mehrmals täglich zeigen was in ihm steckt und ich kann in der Hektik des Tages oft nicht auf die richtige Pflege achten, die bei einem Silberspitz dringend geboten wäre. Synthetikfasern sind viel robuster und brauchen deutlich weniger Pflege, was ich für einen großen Vorteil halte. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, daß sich die Synthetikfasern gerade auf sehr harten Rasierseifen besonders gut machen, weil die Seifenaufnahme durch den Pinsel leichter gelingt. Viele Männer, die einen Silberspitz schwingen, haben beim Aufschäumen Angst um die wertvollen Spitzen und getrauen sich nicht den Pinsel fest auf die Seife zu drücken. Vor einem Rasierpinsel mit Synthetikfasern braucht man nicht so viel Respekt zu haben. Keine Sorge, der hält das aus und zwar lange.

Die mir bekannten Synthetikpinsel der Firma MÜHLE sind meiner Meinung so gut wie ein Silberspitz. Sie fühlen sich schön weich an und neben ihrer Unverwüstlichkeit, und dem Vorteil bei der Seifenaufnahme, brauche ich mir keine Gedanken um den Artenschutz zu machen. Wir sind zwar kein Vegetarier, doch wenn es ohne tote Tiere geht ist es uns von 1000 & 1 Seife lieber und dem Dachs vermutlich auch.

Silvertip Fibres©

Seit gut einem Jahr konnte ich die neue synthetische Faser Silvertip Fibres© von MÜHLE Pinsel als Prototyp testen. Ein gutes Jahr lang haben mir gestandene Nassrasierer immer wieder im Geschäft bestätigt (wenn sie den Pinsel in Händen hielten), daß sie ebenfalls  solch einen schönen echten, weichen Silberspitz zu Hause benutzen würden. Ein ganzes Jahr lang habe ich auf die Markteinführung dieser Faser gewartet und nun ist es an der Zeit, die Vorzüge dieser synthetischen Faser zu betonen, und ich sage gleich dazu, daß es ab sofort bei 1000 & 1 Seife nur noch Rasierpinsel mit synthetischen Fasern zu kaufen geben wird. Nicht ausschließlich. Aber wir finden dieses Produkt einfach sehr überzeugend.

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Links im Bild sehen sie die herkömmliche Faser Synthetik und rechts die neue Faser Silvertip Fibres©. Letztere fühlt sich gerade auf dem Pinselkopf noch etwas weicher an. Sicher, aufwendig hergestellte Silverspitzenrasierpinsel mit edlen Haaren vom Dachs unterscheiden sich für den Kenner. Doch die Ähnlichkeit ist recht hoch und die meisten Männer bemerken den Unterschied erst, wenn sie die Fasern an der Seite berühren. Auf dem Pinselkopf selber ist es wirklich schwer zu bemerken. Wasseraufnahme, Seifenabtrag und das Verhalten beim Aufschäumen sind absolut ebenbürtig und bei sehr festen Rasierseifen haben diese synthetischen Fasern eindeutig die Nase vorn. Die Haarspitzen dieser synthetischen Fasern sind, wie natürliches Haar, an den Spitzen dünner, sie sind ebenfalls gekräuselt, leicht wellig, und die Oberfläche der Faser ist nicht glatt wie Plastik, sondern leicht rauh – sie haben Struktur. Zumal ist die Faser robuster, benötigt nicht so viel Pflege, sie trocknet schneller und auch dem Tierschutz ist in ganz besonderer Weise gedient – die Dachse werden es ihnen danken.

Über erik

Ich bin nur der, der hier schreibt. Die mit den Seifen, das ist Xenia Trost und die hat sich 1000&1 Seife ausgedacht.
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