Seife als Notbehelf – Körperpflege 1894

Oft hören wir, wie die Leute beim Anblick unseres Geschäfts – indem es neben einigen Düften (Parfums) unzählige Seifen und viele andere Dinge gibt, mit denen man es sich in der Wanne oder unter der Dusche einfach nur nett machen kann -, erklären, daß man all diese Dinge nicht benötigen würde. „Wissen sie, Kernseife ist die beste Seife und mehr braucht man nicht. Glauben sie mir, ich nehm nur Wasser und Kernseife. Gute Kernseife. Da wissen sie natürlich gar nicht mehr was das ist. Nach`m Krieg, da gabs gute Seife“.  In solchen Momenten denken  wir uns still unseren Teil. Fehlt nur noch, daß die Trümmerbilder der Nachkriegszeit in Form seniler Verklärung am Ende gar romantisiert werden. „Ja, damals war alles besser, sogar die Seife“. Warum nur gilt das Badezimmer selbst im Jahr 2011 noch immer vielen Deutschen als Ort, der ausschließ der Reinigung dient? Wo liegen die Wurzeln derartiger Vorstellungen von Hygiene und körperlichem Wohlbefinden?

Lavater sagte: Wollt ihr schöner werden, als ihr seid, sorgt für eine schöne Seele, welche sich einer gesunden Behausung zu erfreuen hat und sofort werden nicht nur die Rosen auf den Wangen von neuem erblühen, sondern auch aus jedem Gesichtswinkel unwiderstehliche Schönheit herausleuchten, selbst wenn ihr in einer Mulattenhaut stecktet.

(Folgende Zitate mehrheitl. aus dem Bilz, „Das neue Natur Heilverfahren – Lehr- und Nachschlagbuch der naturgemäßen Heilweise und Gesundheitspflege“, Verlag Bilz, Leipzig 1898, 25. Aufl., 1943 Seiten)

Gesundheit und Reinlichkeit – Hygiene – gehören fest zusammen und wurden ganz im Sinne einer gesunden, deutschen Volksgemeinschaft zu erklärten Zielen, die zudem schon damals gut vermarktet werden konnten. Wasser spielte dabei schon immer eine herausragende Rolle, nachdem seine reinigenden und abhärtenden Eigenschaften als positiv anerkannt wurden. Dem Bad galt dabei besondere Aufmerksamkeit, weil es erst langsam wieder in Mode kam und die meisten Wohnungen überhaupt nicht die Möglichkeit dafür boten. Als sinnvoll, gar notwendig, wurde es erachtet, einmal täglich, oder midestens 2-4 mal wöchentlich, lauwarme bis warme Ganzabreibungen, Ganzwaschungen, Wannenbäder, Vollbäder oder Flußbäder, nebst Frottieren (Abreiben der Haut) zu absolvieren.

Dabei sollte die Raumtemperatur nicht unter 15 Grad liegen und die empfohlene Wassertemperatur wurde mit 24 bis 25 Grad angegeben. Von großer Wichtigkeit außerdem, die eigene Körperwärme, denn mit kaltem Körper darf man nicht ins Bad. Der kalte Körper muß zuvor mittels Decken oder durch Bewegung auf Temperatur gebracht werden, weil Ofenwärme als schädlich galt. Angemerkt wird, daß gerade Naturärzte eher zu kühleren Bädern raten.

Reinlichkeit ist das halbe Leben sagt zwar ein bekanntes Sprichwort, jedoch als Beweis, wie wenig noch in Deutschland auf die Hautpflege Gewicht gelegt wird, möge unter hunderten von Beispielen nur die Thatsache dienen, daß es in unserem gebildeten Deutschland Städte von 80 000 und mehr Einwohnern gibt, die sich oft nur einer einzigen Badeanstalt von nicht mehr als drei bis vier Badewannen erfreuen. Bilz, S. 493

Baden diente lediglich der Reinigung des Körpers und der Haupflege, ein Aspekt, der immer getrennt betrachtet wurde, weil durch ein Bad auch andere, reinigende und heilende Prozesse des Körpers aktiviert werden sollten. Das Seife möglichst nicht verwendet werden sollte, nur im Falle der starkt verschmutzten Haut galt ihr Einsatz als annehmbar, muß in diesem Zusammenhang unbedingt Erwähnung finden, weil die reinigende Wirkung des Bades allein dem Wasser zugeschrieben wurde. Und was da nicht alles gebadet werden sollte und vor allen Dingen auch wie. Hier einige Tipps!

Seife galt vielen Medizinern und selbsternannten Gesundheitsfanatikern als überflüssiges Mittel bei der Abhärtung des Körpers, dessen Selbstreinigungskräfte einzig und allein durch Wasser geweckt zu werden brauchten. Bezüglich der Waschung mit Seife sei noch erwähnt, daß man der Ansicht war, Seife würde zur Reinigung meist zu häufig angewendet. Seife sollte nur als Notbehelf für groben Schmutz gelten, den man ohne sie nicht beseitigen könne. Wer viel temperiertes Wasser braucht, wird selten Seife nötig haben. Zu viel Seife trocknet die Haut etwas aus, entzieht den Talgdrüsen ihr natürliches Fett, macht die Haut früh alt, welk und runzlig. Wer Seife nur als einen Behelf in Not ansieht, der behält lange eine junge, frische, straffe Haut, einen frischen Teint.

Für jedes Körperteil gab es, und das in jeder Position, technische Erfindungen, die ein Dampfbad, eine Waschung ermöglichen sollten. Gebadet wurde überall, im Ernstfalle auch liegend im Bett. Aber ein Bad aus Freude, ein Bad zur Entspannung, ein Bad aus Lust und Laune heraus, das war überhaupt nicht vorgesehen. Und ich denke, daß es genau diese Entwicklung in Deutschland war, die u.a. zu der Ansicht Seife schenkt man nicht führte. An anderer Stelle habe ich schon einmal darüber nachgedacht, ob es nicht einen Zusammenhang zwischen dieser ursprünglich vermittelten Idee von Hygiene und der bis heute anzutreffenden Unfähigkeit des Badegenusses gibt. Hygienos (griechisch) bedeutet im weitesten Sinne der Gesundheit förderlich und wurde in unserem Sprachgebrauch hauptsächlich im Zusammenhang mit Medizin (als Prävention) und zur Abhärtung, gedacht.

Baden und Sauberkeit wurden gerade in Deutschland in hohem Maße instituionalisiert. Der private Körper, als Teil des Volkskörpers betrachtet, hatte sich gesellschaftlichen Normen zu unterwerfen – gesund, nützlich und leistungsstark. Hygiene wurde organisiert. Sauberkeit kann durchaus auch als das Ergebnis eines sozialen Drucks betrachtet werden, welcher in der Zeit des Nationalsozialismus auf schreckliche Art pervertierte. Der an Geist und Körper gesunde Deutsche erfuhr die Gleichsetzung der Begriffe Körperhygiene und Rassehygiene – Schlagworte einer menschenverachtenden Idee, die Sauberkeit mit Volksgemeinschaft gleichsetzte und damit die Lust am Waschen durch einen gesellschaftlichen Zwang ersetzte„. (Zitat aus dem Artikel Seife schenkt man nicht)

Über erik

Ich bin nur der, der hier schreibt. Die mit den Seifen, das ist Xenia Trost und die hat sich 1000&1 Seife ausgedacht.
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