Klassische Nassrasur – Rasierhobel, die traditionellen Rasierapparate

Klassische Nassrasur ist das Hobby für den stilbewußten Mann, welches Kosten spart, angeblicher viel gründlicher ist als jeder moderne Rasierer und welches zugleich den anspruchsvollen und traditionellen Herrn, der einen Lebensstil pflegt, welcher sich nicht an schnellen Verbrauchsgütern und kurzlebigen Werbeversprechen orientiert, als rasurtechnischen Traditionalisten auszeichnet. Klassische Nassrasur mit Pinsel, Rasierseife, Rasierhobel – besser noch Messer – ist das Tüpfelchen auf dem Gentleman im Bad.

Erste Frage! Rasieren Rasierhobel wirklich gründlicher als moderne Mehrklingenrasierer? Nein (eine Antwort, die Traditionalisten gar nicht gerne hören), aber genau das kann ein Vorteil sein; gerade dann, wenn Sie zu einwachsenden Barthaaren neigen.

Als das Erfindungsjahr des Sicherheitsrasierapparates (des Rasierhobels) gilt gemeinhin das Jahr 1895 und als Erfinder dieser Technik wird der Amerikaner King Camp Gillette genannt. Ich weiß nicht, ob die Jahreszahl so stimmt und auch Herr Gillette sollte der Fairness halber nicht alleine genannt werden; schließlich gab es mit den Barthobeln, welche etwa ab den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gebräuchlich waren, Sicherheitsrasierapparate, die eine einfache Selbstrasur leicht möglich machten und die unseren heutigen Rasierhobeln durchaus recht ähnlich waren. Als Hauptunterschied dürfte vielleicht die zweischneidige Klinge auszumachen sein. Ein Wegwerfprodukt, welches damals schon absolut in die Zeit paßte. Aus heutiger Sicht hat sich daran nichts geändert, mit dem Unterschied, daß die altmodischen (klassischen) Rasierhobel zum einen sehr gründliche Rasuren ermöglichen und die erhältlichen Klingen deutlich günstiger sind als die der gängigen Systemrasierer.

Das nächste Bild zeigt einen sehr bekannten Rasierhobel, den 23c von Merkur. Ich habe ihn für das Bild nicht fest zusammengebaut, weil ich wollte, daß man die Lage der im Kopf des Hobels verschraubte Klinge gut erkennt.

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Der 23c ist aus mehreren Gründen sehr beliebt. Manche bezeichnen ihn sogar als Einsteigerhobel in die klassische Nassrasur, weil er einen geschlossenen Kamm hat (im Unterschied zum 25c, der bis auf den offenen Kamm völlig baugleich ist) und sich wegen des fast 10 cm langen Griffs besonders sicher führen läßt.

Hier eine Nahaufnahme vom 23c.
Deutlich erkennt man den zweiteiligen Kopf, die Lage der Klinge und die kurze Verschraubung des Griffs direkt unter der Auflage.

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Wer sich für die Rasierhobel interessiert und ein anspruchsvolles, haltbares Gerät erwerben möchte, dem sei dieser Hobel empfohlen. Er liegt sicher in der Hand, ist robust, die Klingen lassen sich leicht wechseln und für den Anfang würde ich immer nur einen Hobel mit einem geschlossenen Kamm wählen.

Wenn man von Hobeln, deren Klingenspalt sich einstellen läßt (Adjustable), deren Kopf durch drehen einer Stellschraube automatisch geöffnet werden kann (Butterfly) und den Hobeln, wo die Klinge verdreht wird und der ganze Hobelkopf leicht schief gestellt wurde (Torsion) einmal absieht, gibt es nur einen Hauptunterschied, den man beim Kauf eines Rasierhobels beachten sollte. Offener Kamm oder geschlossener Kamm. Alles andere ist durchaus nützlich oder fällt gleich in die Rubrik Jungsspielzeug und Schnickschnack. Im Folgenden sehen Sie links im Bild eine kurze- und rechts im Bild eine lange Verschraubung. Die beiden Hobel unterscheiden sich nur durch die Länge und die Dicke des Griffs, während die Kopfgeometrie ist völlig identisch.

Und so sieht der wirklich wichtigste Unterschied zum geschlossenen Kamm aus. Hier der Kopf des 25c mit seiner offenen Zahnung.

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Glauben sie mir, dies ist nichts für Anfänger. Der offene Kamm verspricht eine zupackende und ausgesprochen gründliche Rasur. Denken sie sich mal die Klinge dazu und stellen sie sich vor, wie der scharfe Stahl an denen Stellen aufliegt, wo ein Spalt ist.

Ansonsten haben beide Rasierhobel die gleichen Abmessungen. Am Beispiel der beiden Hobel 23c und 25c konnten für den Anfang leicht ein Einstieg ins Thema der traditionellen Rasierapparate gefunden werden und wenn Sie für einen ersten Test, für den Einstieg in die Hobelrasur, nicht gleich mehr als 20 Euro ausgeben möchten, dann kaufen Sie sich im nächsten Drogeriemarkt einfach einen Gillette Classic, der ist aus Plastik und wird nicht lange halten. Doch er rasiert und man bekommt ein Gefühl für die Hobelrasur.

Nur wäre ein Artikel zum Thema Nassrasur und Rasierhobel sehr unvollständig, wenn man nicht einen Torsionshobel erwähnt. Schließlich hat nur Ahnung von Nassrasur, wer wenigstens 8 verschiedene Hobel besitzt. Kurzer Griff, langer Griff, dicker Griff, dünner Griff, offener Kamm, geschlossene Zahnung, Butterfly-Kopf und Adjustable. Halt wir haben einen vergessen. Sie brauchen dringen noch einen weiteren Hobel. Einen mit Torsion.

Die Welt der Naßrasur ist eine Welt der Geschichten, Anekdoten und Mythen. Da gibt es scharfe Dinge hier und noch viel schärfere Sachen dort. Was dem einen gefällt ist für den anderen der Staatsfeind Nr. 1 und manchmal ist mir nicht ganz klar, ob die Grenze zwischen Naßrasur und Naßrasur als Hobby nicht zugleich eine schwierige Gratwanderung ist, die man nur besteht, wenn man Rasiermesser sammelt, Seifen hortet und Klingen für mehrere Generationen auf Vorrat im Keller eingelagert hat. Und dann sind da noch die schönen Geschichten. Erzählungen von Männern, die sich noch viel gründlicher als gründlich rasieren wollen, die ihre Rituale pflegen und auf unzählige Tricks und Kniffe schwören und die ganz genau wissen, wie und wo und womit man sich richtig rasiert.

Und richtig rasieren kann man sich natürlich auch mit einem Torsionshobel, dessen verdrehte Kopfgeometrie dafür sorgt, daß die Barthaare nicht nur gekappt sondern gleichzeitg wirklich geschnitten werden, weil die Klinge leicht schräg über die Haut gezogen wird. Und über den Sinn dieser Hobelkopf-Form haben sich schon sehr viele Leute sehr tiefe Gedanken gemacht und dabei sind sie zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen, was sie jedoch nicht davon abhällt, diese sehr gerne weiterzuerzählen. So soll der Torsionshobel z.B. sehr gut sein, wenn man viele Grübchen im Gesicht hat, zudem gilt der Torsionshobel als der schärfste Hobel überhaupt, was daran liegt, daß die verdrehte, unter Spannung stehende Klinge regelrecht schärfer wird und damit besser schneidet. Gut ist auch der Hinweis auf die Rasur von Bartkonturen. Denn wer in den Spiegel schaut um sich zu rasieren, der hält sein Rasurgerät automatisch leicht schief und diese Fehlleistung korrigiert der schräge Klingenspalt; was dann eine genauere Rasur der Konturen möglich macht. Außerdem sind zwei Schnittbewegungen (senkrecht und leicht längs) besonders bei dicken Barthaaren wesentlich gründlicher. Aber! … man sollte, bevor man zum Torsionshobel greift, durch eine sehr, sehr gründliche Schule der Naßrasur gegangen sein und wenigstens im ersten Leben als Naßrasierer zahlreiche Erfahrungen gesammelt haben. Merke! Torsionshobel sind nichts für Weicheier.

Doch die Wahrheit ist, daß die Geschichte mit der verdrehten Kopfgeometrie ursprünglich einen sehr praktischen, rein technischen Nutzen hatte und der ist bei den Klingen zu finden. Früher gab es, jedenfalls viel häufiger als heute, deutlich dünnere Klingen. Die heute gebräuchlichen Klingen sind 0,1 mm dick und wer Klingen mit dieser Stärke verwendet, der braucht keinen Torsionshobel, weil diese Klingen stabil genug sind. Es gibt jedoch deutlich dünnere Klingen und wenn man solche feinen Schneidwerkzeuge bevorzugt, dann muß man für genügend Halt und Spannung im Hobelkopf sorgen, weil die Klinge sonst schwingt. Die Blondine auf dem Foto z.B. bringt es auf 0,08 mm und damit ist sie im Torsionshobel besonders gut aufgehoben. Ein Rasierhobel mit Torsion ist für Naßrasierer gedacht, die sehr feine, sehr dünne und damit auch sehr scharfe Klingen bevorzugen und diese dünnen Klingen werden im verdrehten Hobelkopf so versteift, daß die Klinge bei der Rasur keine Eigenbewegung ausführt (sie darf nicht schwingen und sich nicht verziehen). Und natürlich ist die leicht längs ausgeführte Schnittbewegung sehr gründlich und natürlich eignet sich der verdrehte Klingenspalt für Konturen und selbstverständlich kann man auch normale Klingen einlegen und alle Vorteile und Nachteile des Torsionshobels nutzen. Nachteile? Nun sagen wir mal so, die leicht längs ausgeführte Bewegung hat es in sich.

Aber wo sind denn nun die Vorteile der Hobelrasur zu finden, mag sich der eine oder andere Leser fragen und auch wenn die Antworten längst gegeben sind, möchten wir diese hier noch einmal zusammenfassen.

1. Wenn Sie sich nur einen Hobel kaufen (und nicht zum Sammler werden) dann sparen Sie Geld, weil die Klingen deutlich preiswerter als die der modernen Mehrklingenrasierer sind.

2. Rasierhobel schneiden das Haar wirklich nur an der Oberfläche. Da sind keine keine Gleitstreifen und keine Gummilippen – die am Haar ziehen, bevor es geschnitten wird – und das verringert deutlich das Risiko einwachsender Barthaare. Und auch wenn die Rasur vielleicht nicht ganz so gründlich wird (die Betonung liegt auf vielleicht) wie die Rasur mit den modernen Rasierern: sie ist auf jeden Fall gründlich genug.

3. Wer sich in Ruhe rasiert und nicht mehrfach immer wieder über eine Stelle drüberzieht, der vermeidet viele Hautirritationen. Eine Klinge, einmal über eine Stelle und das sollte reichen.

Der Rest ist mit Worten wie Tradition, Feeling und Stil ausreichend umschrieben und natürlich gehören diese emotionalen Werte zur klassischen Nassrasur unbedingt mit dazu.

Über erik

Ich bin nur der, der hier schreibt. Die mit den Seifen, das ist Xenia Trost und die hat sich 1000&1 Seife ausgedacht.
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