CSI ist überall. Eine mörderische Kriminalgeschichte und eine Leiche aus Seife (?). Teil 2 – Von Fettwachsbildung, Adipocire und „Leichenlipid“.

Teil 1, was bisher geschah.

Nachdem unser mörderischer Freund Jacques sein Geständnis abgelegt hatte, schleifte man ihn nach draußen in den Gefängnishof, wo bereits der junge Polizist Jean mit letzten Formalitäten für die anstehende Hinrichtung beschäftigt war. Was für ein guter Tag zum sterben, dachte Jacques so bei sich, er hatte ohnehin nichts Wichtiges vorgehabt und hier würde ganz bestimmt niemand um ihn weinen. Man legte ihm die Schlinge um den Hals, ein kurzer Ruck und schon taten die Füße, welche ihm der Folterknecht zertrümmert hatte, überhaupt nicht mehr weh. Für Jacques ist die Geschichte an dieser Stelle vorbei.

Doch Jean, der junge, strebsame Polizist hatte es eilig. Schließlich wollte er den freien Nachmittag nutzen, um auf dem Friedhof der Obduktion dieser seltsamen Leichen beiwohnen zu können. Zumal der berühmte Arzt Doeringnou ihn persönlich mit einem kräftigen Schulterklopfer dazu eingeladen hatte. „Nur Mut junger Mann, kommen sie bald wieder zurück. Hier gibt es viel zu lernen. So etwas  bekommt man nicht alle Tage zu Gesicht„. Also sputete er sich und verzichtete sogar auf sein geliebtes Zitronenwasser, welches auf dem Markt angeboten wurde.

Auf dem Friedhof zurück, mußte er sich erst durch eine neugierige Menschenmenge hindurchboxen und am Eingang zum Zelt darauf hinweisen, daß der berühmte Doktor ihn persönlich zurückbeordert hatte. Neidisch und mißmutig zogen die zur Bewachung des Eingangs abkommandierten Kollegen die Zeltplane zur Seite um ihn hineinzulassen. Wobei sich Jean im Moment seines Eintretens nicht mehr ganz sicher war, ob es an der frischen Luft nicht doch schöner wäre. Die Luft war stickig und heiß, so grauenhaft wie der ganze Anblick. Auf einem der Tische hatte man damit begonnen, zwei der Leichen aufzuschneiden und Doktor Doeringnou, die Knochensäge noch in der Hand haltend, dozierte mit kräftiger Stimme. „Sehen sie meine Herren. Hier haben wir zwei ganz unterschiedliche Ausformungen von Fettwachsbildung. Ich hatte vor einiger Zeit schon einmal die Möglichkeit, eine ähnliche Leiche untersuchen zu können und möchte meine Erkenntnisse auf diesem Gebiet gern mit ihnen teilen. Inzwischen bin ich der Meinung, daß es sich bei diesem Phänomen nicht, wie ursprünglich von einigen Kollegen angenommen, um eine Art Verseifung handelt. Leichen aus Seife sind nur schwer vorstellbar, weil wir dafür viel zu wenig Glycerin vorgefunden haben. Die Aufspaltung in Glycerin und in Fettsäuren, eine Verseifung mit Kalzium und Magnesium, spielt meines Erachtens nach keine bedeutende Rolle. Da ist es schon besser, wenn wir von Fettwachsbildung sprechen. Wobei auch diese Theorie meiner überaus geschätzten Kollegen Fourcroy und Thouret so ihre Tücken hat. Doch bevor ich meine persönliche, bescheidene Meinung hierzu offenlege, möchte ich sie alle mit den Fakten vertraut machen.

Doeringnou hielt kurz Inne und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Nur gut, daß uns diese Toten nicht unter den Händen wegfaulen werden.“ Der Doktor schritt ans Kopfende des Tisches und setzte seinen Vortrag fort.

Meine sehr verehrten Kollegen, wenn wir diese beiden toten Körper betrachten, dann fällt zuerst die unterschiedliche Ausbildung jener panzerartigen Schicht auf, aus der die Körper zu bestehen scheinen. Und wie sie sich noch erinnern können, war es uns sogar möglich, einige dieser Leichen in eine aufrechte, stehende Position zu bringen. Grund dafür ist der Zeitraum, den die Toten unter der Erde zubrachten. Dieser weiche, pastenartige Körper dort drüben z.B., lag vermutlich erst wenige Monate in der feuchten Erde, während dieser Tote bereits mehrere Jahre begraben war. Ich denke, daß es einige Monate dauern wird, bevor wir die Umwandlung beobachten können. Es fängt in den Schichten der Unterhaut an, geht dann tiefer bis in die Muskulatur und bei der Dicken hier, ist selbst das Innere der Knochen gänzlich umgewandelt.

Wir haben es eindeutig mit einer Zunahme des Volumens zu tun. Bei der Analyse des bereits erwähnten Toten, konnte ich Palmitin- und Stearinsäuren nachweisen und ich kann zudem beweisen, daß sich die Fettwachsbildung ausschließlich im Inneren des toten Körpers abspielt. Wobei es die körpereigenen Lipidvorräte sind, welche umgewandelt werden. Durch Hydrolyse und Verflüssigung des Fettgewebes werden auch die Muskeln des Körpers aufgeweicht und weil wir es hier mit einer Hydrierung zu tun haben, kommt es zur Hydroxylierung und einer anschließenden Härtung des Fettes. Die für eine Verseifung notwendigen Ölsäuren konnten nicht nachgewiesen werden.

Ihnen ist sicher schon aufgefallen, daß es sich bei unseren Toten hier durchweg um recht wohlbeleibte Personen gehandelt haben muß? Wie mir scheint, kann die feuchte Erde mit den richtig mageren Zeitgenossen nichts anfangen. Interessant ist diese Frau da hinten. Wie sie sehen, haben wir es bei ihr mit einer fast vollständig verwesten Leiche zu tun. Nur unterhalb des Kinns erkennen wir einen festen, wachsartigen Wulst. Die Ärmste muß ein wahrhaft riesiges Doppelkinn mit sich herumgeschleppt haben. Bei einigen Leichen fanden wir noch Spuren von verflüssigtem Fett in den Talg- und Schweißdrüsen und im Bereich der Haarwurzeln.

Doeringnou hielt inne und ließ sich ein Erfrischungsgetränk reichen. Er lächelte in die Runde: „Wenn sie Fragen haben. Nur zu.“ Jean brannte darauf, sich bemerkbar zu machen. Eine kluge Frage, nur ein einziger Beweis für seinen Spürsinn und mit etwas Glück, würde man ihn vielleicht befördern. Schließlich hatte er sogar das Geständnis des Mörders Jacques in seiner Brieftasche dabei. Auch wenn es wohl eher dem Hammer des Folterknechts zu verdanken war. Egal, er war hier und die Gelegenheit war günstig. „Aber können sie uns auch erklären, warum all die Toten hier von dieser Seite des Friedhofs stammen?“ Er lächelte stolz in die Runde und straffte die müden Schultern. „Gut beobachtet junger Mann“ antwortete Doktor Doeringnou und kam um den Tisch herum. Vorsichtig schob er die Zeltplanen auseinander, „ich denke, wir können frische Luft gebrauchen“ und zeigte mit der Hand in Richtung Friedhofsmauer. „Sehen sie meine Herren, von dort drüben stammen unsere Toten. Genau dort, wo das Regenwasser sich staute und der Grundwasserspiegel hoch liegt. Die feuchte Erde klebt mir noch immer unter den Schuhen. Zudem ist das Wasser alkalisch und es enthält deutliche Spuren von Kalzium. Zumal die Körper selbst viel Wasser enthalten. Ich wage sogar zu behaupten, daß allein das körpereigene Wasser ausreichen würde! Eingebettet in die feste Erde und somit von der Luft fast vollständig abgeschnitten, dazu noch etwas Wärme, keine Schatten durch Bäume und die Friehofsmauer dürfte die Strahlen der Sonne noch gespeichert haben, und schon geht es los. Brauchen sie noch mehr Beweise für meine Theorie? Wissen sie meine Herren, ich denke, es wäre besser, wenn wir von Fettsäurekonservierung oder Fetthärtung sprechen würden. Wir benötigen einen Begriff, der die Transformation beschreibt. Verseifung bei Leichen und Fettwachsbildung erscheint mir als zu wenig naturwissenschaftlich. Ich finde, wir sollten von Adipocire sprechen.

Spannend ist auch, was besonders unseren jungen Polizisten freuen dürfte, daß wir sogar die Verletzungsspuren, welche uns umgehend zu einem Mörder führten, selbst Jahre nach der Tat noch deutlich erkennen konnten. Ich würde meinen, daß wir die etwas weicheren Toten ohne Probleme umbetten können. Stecken sie diese Toten in normale, lockere Erde und sie werden in kurzer Zeit verfaulen. Diese ausgehärteten Exemplare muß man verbrennen oder für die Wissenschaft zugänglich einlagern.

Doeringnou verneigte sind mehrfach und begab sich zusammen mit all den anderen Gelehrten an die frische Luft, wo diese Kriminalgeschichte um angebliche Seifenleichen im Abendlicht endet.

Zum Schluß soll nicht verschwiegen werden, daß sich die wichtigsten Fakten zum Thema Adipocire (Leichenlipid oder auch Fettwachsbildung) in den beiden Teilen der Kriminalgeschichten verbergen. Und in der Hoffnung, daß ich als medizinischer/ forensischer Laie die wissenschaftlichen Fakten nicht all zu leichtfertig und fehlerhaft wiedergab, möchte ich auf die genutzten Quellen verweisen

  1. Forster B, Ropohl D (1976) ENKE Reihe zur AO [Ä]. Rechtsmedizin. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, 27-28
  2. Reimann W, Prokop O, Geserick G (1985) Vademecum Gerichtsmedizin. VEB Verlag Volk und Gesundheit, Berlin, 50-51
  3. Penning R (1996) Rechtsmedizin systematisch. UNI-MED Verlag AG,Bremen und Lorch/Württemberg, 31
  4. Brinkmann B, Madea B (2004) Handbuch gerichtliche Medizin. Band 1. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New York, 160-162


Über erik

Ich bin nur der, der hier schreibt. Die mit den Seifen, das ist Xenia Trost und die hat sich 1000&1 Seife ausgedacht.
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