„Kernseife ist das Beste …“ und so natürlich und rein und praktisch und billig.

Bei so vielen positiven Eigenschaften verwundert es nicht, wenn sich immer wieder Leute bei uns im Laden zu Wort melden, die es sicher gut mit uns meinen und die neben zahlreichen anderen Sprüchen wie z.B. „Ich nehm seit Jahren schon keine Seife mehr, ich wasch mich nur noch mit Wasser“ auch immer wieder empfehlen, die eigene Seifenproduktion einfach einzustellen und nur noch Kernseife anzubieten, weil Kernseife einfach das Beste ist und zudem nüscht kostet.  So ein Stück echte Kernseife, die reinste und beste Seife überhaupt, bei Rheuma mit ins Bett gelegt, hilft Wunder bei zahlreichen Erkrankungen und nach dem Krieg, da war die Seife besonders gut – weil so schön hart. Alles klar. Ach überhaupt, damals war alles schöner und besser und billiger und Kernseife ist einfach so natürlich.

Ich weiß immer nicht, ob das schon erste Anzeichen einer senil verklärten Nachkriegsromantik sind oder ob die betreffenden Personen meinen ich wäre nicht ganz richtig im Kopf. Aber erstens war nach dem Krieg nicht alles besser und schöner und ich frage mich schon, wie man die Bilder aus Dresden einfach so vergessen kann und außerdem hat ein Stück Seife auf dem Schwarzmarkt ganz schnell mal 50 Mark und mehr gekostet. Woher ich das weiß? Nun, ich lese z.B. lieber Heinrich Böll „ALS DER KRIEG ZU ENDE WAR“ als dass ich diesem Geschwafel folge. Allerdings finde ich die Beobachtung, daß auch junge Leute inzwischen mit diesen großelterlichen Ratschlägen zum Thema Kernseife ankommen ausgesprochen interessant (und verwunderlich). Grundseife ist ebenfalls ein schönes Wort.

Kernseife ist einfach etwas ganz Besonderes.

(Diese Haushaltsseife wurde von Ende der 1940er Jahre an bis Mitte der 60er in Zeulenroda/ Thüringen produziert. Die Marke EPISAN wurde 1960 angemeldet.)

EPISAN mit Salmiak, Terpentin und Benzin ist ein schönes Bsp. für die Natürlichkeit von Kernseife/ Haushaltsseife, was mir in diesem Zusammenhang sofort einfällt. Ich assoziiere bei der Produktbeschreibung allerdings nicht so sehr Natur sondern doch eher Tankstelle. Gut, die Sache mit dem Benzin dürfte so nicht funktioniert haben, weil Benzin einfach viel zu flüchtig ist. Da braucht man was Langkettiges wie Diesel. Aber warum gerade Kernseife – die immer schon mit unterschiedlichsten Zusätzen für die verschiedensten Zwecke angereichert wurde – als natürlichste Seife überhaupt angesehen wird, bleibt mir ein Rätsel.

Alle Kernseifen, so wie wir sie heute kennen, waren und sind das schäumende Zeugnis von Industrialisierung und Massenproduktion. Voraussetzungen für derartige Groß-produktionen waren riesige Schlachtereien (Fettgewinnung) und erst seitdem es Dampfmaschinen und moderne Fabrikationsanlagen gab, war die Herstellung von solchen Stückzahlen überhaupt erst möglich. Man nutzte minderwertige Fette und Öle, die bei der Verarbeitung und Herstellung von Kerzen anfielen, um Kernseifen in großen Mengen zu produzieren und ohne die Erfindung des „TUBULAR TWIRLs“ von Campbell Morfit (1820-1897/ Chemiker) wäre dies gar nicht möglich gewesen. Morfit war auf die Idee gekommen, Wasserdampf mit viel Druck direkt in den Seifenkessel zu pressen und damit die flüssige Masse in einem Arbeitsgang zu erhitzen und zu bewegen. Zu dieser Zeit entwickelte man die ersten, großen Schneidemaschinen, erfand Verfahren um den Rindertalg zu weißen und alle Rückstände aus dem Endprodukt zu entfernen. Ohne Fließbandproduktion – angefangen in den großen Schlachthöfen – wäre die Massenproduktion von Kerzen, Kernseifen und Feinseifen überhaupt gar nicht möglich gewesen.

Bis zu diesem Zeitpunkt (also bis Mitte des 19. Jh.) war die Herstellung von Seifen, das Sieden im offenem Kessel, ein handwerklicher Herstellungsprozeß in Kleinstbetrieben. Zuerst mußten die Rohstoffe gereinigt werden (Knochenreste entfernen/ Fette und Öle klären), Lauge aus Pottasche zubereiten, einen ganzen Tag lang sieden und dabei ständig mit einem langen Stab umrühren damit nichts an der Kesselwand anbrennt, mit Kochsalz aussalzen, dann Klarsieden (vollständiges Aussalzen), Trennung von Lauge und Seife, Abschöpfen und Einformen, Abkühlungsphase (erste Aushärtung), Zuschneiden und anschließende Trocknung der einzelnen Stücke.

Das Endprodukt Kernseife wurde vornehmlich als Haushaltsseife verwendet und diente zur Reinigung von Textilien, Fußböden und anderen zu säubernden Gegenständen. Der Körper gehörte da erstmal gar nicht dazu. Auf die Idee, sich selber mit Seife zu waschen, kam die Menschheit erst wieder im Verlauf des 19. Jahrhunderts und im Zuge einer immer wichtiger werdenden Körperpflege (der Hygiene) stiegen auch die Ansprüche an die Körperreinigungsmittel und schnell ging man ab Mitte des 19. Jahrhunderts dazu über Toilettenseifen zu produzieren.

Und was tun wir heute, gut 150 Jahre später – wir sind inzwischen zum Mond geflogen, lassen Ohren auf Mäusen wachsen und fummeln in der Genetik von was weiß ich allem herum -? Wir glauben, das Kernseife das beste Reinigungsmittel für den Körper überhaupt sei und erfreuen uns an der ach so naturbelassenen Natürlichkeit. Ganz ehrlich? Alle Seifen sind das Ergebnis eines chemischen Prozesses und auch Naturseifen aus dem Bioladen wachsen nicht am Baum.

Über erik

Ich bin nur der, der hier schreibt. Die mit den Seifen, das ist Xenia Trost und die hat sich 1000&1 Seife ausgedacht.
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